BERICHT: EMW19

pfeil.JPG Im Folgenden können Sie die Berichte unseres „Rasenden Reporters“ Yannik Kolmer lesen, der an mehreren Veranstaltungen der Europäischen Mobilitätswoche teilgenommen hat und hier die eigenen Eindrücke schildert.

 

pfeil.JPG Spaziergang zu den Naturdenkmälern „Bäume“

Die Einzelveranstaltungen der Europäischen Mobilitätswoche (EMW) 2019 in Osnabrück starteten am Montagabend mit dem Spaziergang zu den Naturdenkmälern „Bäume“. Frank Bludau vom Fachdienst Naturschutz und Landschaftsplanung der Stadt gab uns eine kompetente Führung durch die Stadtnatur und zeigte uns Buchen, Eichen, Ahorne, (Pseudo-)Akazien und Linden, die schon seit teilweise hundert(en) Jahren an ihrem Ort stehen, wie hinter der Marienkirche oder im Heger-Tor-Viertel. Unter anderem klärte er dabei auch ein Missverständnis bzgl. der sogenannten Scheinakazie, der Robinia pseudoacacia, auf, welche, wie der lateinische Name vermuten lässt, eine Robinie ist. Anlass war eine von mehreren interessierten Nachfragen der gut 15 Teilnehmenden, die sich ansonsten auch zu Pflegemaßnahmen erkundigten.

Baumspaziergang 6. Station Pernickelturm.JPG

Nebenbei bekamen wir einen interessanten Einblick in die Praxis und Bedingungen städtischen Naturschutzes. Herr Bludau berichtete von der schweren Zeit der Linden an der Haltestelle Theater/Platz der Deutschen Einheit, die im letzten schweren Winter durch einen hohen Salzeintrag besonders bedroht waren. Hier war die Kommunikation mit den Stadtwerken für die Verringerung des Salzeinsatzes essentiell, um den Baumschutz zu gewähren. Ein wesentliches Instrument dafür war früher auch die Baumschutzsatzung, die es seit einigen Jahren nicht mehr gibt, wie der Naturschutzexperte Bludau bedauerte. Heute gehe der Baumschutz nur noch über Bebauungspläne und eben Naturdenkmäler. Es ging aber auch mal über den Fokus Bäume hinaus. Wir erfuhren beispielsweise, dass an der Ostseite des Herrenteichswalls (übrigens eine von drei offiziellen Alleen in Osnabrück) eine Umflut der Hase geplant wird. Damit soll deren Durchlässigkeit für Fische, die durch das Pernickelwehr momentan verhindert wird, gewährleistet werden.

 

Baumspaziergang 9. Station Natruper Straße.JPG

Die Führung gefiel allen so gut, dass trotz etwas vorangeschrittener Zeit die große Runde über den unteren Westerberg gegangen wurde, die besonders durch den Abstecher zum ehemaligen Karmannschen Grundstück, wo zuletzt die Strahlenklinik stand und bald Wohnungen entstehen sollen, auch stadthistorische Weiterbildung bot. An dieser Station, die eine der letzten war, plauderte Herr Bludau auch ein wenig aus dem Nähkästchen. So habe Frau Karmann, die Witwe des ehemaligen Osnabrücker Industriellen, die früher dort wohnte, einer Rotbuche auf dem Gelände eine würdige Baumfällung zuteilwerden lassen. Der Baum war nicht mehr zu retten. Ein Spezialunternehmen rückte extra dafür an, um den Baum, der ihr und ihrem Mann sehr lieb war, Stück für Stück abzutragen.

Baumspaziergang 11. Station Heckenweg Gutenbergstraße.JPG

Zum Schluss verabschiedete sich Herr Bludau von uns mit einer Wildblumenmischung des Osnabrücker Bienenbündnisses. In dem Zuge machte auch noch einmal auf das Artensterben aufmerksam, dem wir nun mit diesen heimischen Pflanzenarten entgegenwirken können. Mit Applaus bedankten wir uns bei ihm für diese bereichernde Führung. Wenn Sie nun Interesse an dem Thema gefunden haben, können Sie sich hier zu geschützten Bäumen in Osnabrück informieren. Ansonsten können Sie sich auch vertrauensvoll an Herrn Bludau wenden, der an diesem Montag mit Sicherheit nicht die letzte Tour gegeben hat.

pfeil.JPG „Walking Bus“

Am Dienstagmorgen durfte ich die Linie 1 des Voxtruper „Walking Bus“ von der Volksbank bis zur Grundschule am Mühlenkamp begleiten. Er ist eine fröhliche und sichere Alternative zu den Elterntaxis und wird durch ehrenamtliche „Busfahrerinnen“ und „Busfahrer“ ermöglicht. Mehr dazu berichte ich hier.

pfeil.JPG Frühstück als Dankeschön

200 Brötchen besorgt, 200 Brötchen verteilt. Und dazu ein Coffee Bike unter Dauerdampf. Das Dankesfrühstück für Radlerinnen und Radler war definitiv ein Erfolg und es hätten auch noch mehr Brötchen verteilt werden können. Während die Hauptverteilung an der Protected Bike Lane stattfand und viele die Tüten im Fahren mitnahmen (was nur einmal nicht klappte), gab es zwischendurch auch eine Verteilaktion an der Kreuzung Wall/Katharinenstraße. Da diese eine Fahrradstraße ist, die das Katharinenviertel und andere Wohngebiete im Westen der Stadt mit dem Zentrum verbindet, war hier das Radverkehrsaufkommen sehr hoch. Bei jeder Rotphase wurden erfreut Brötchentüten angenommen, und zwar so schnell, dass es bald kaum noch Brötchen gab.

RF Verteilung Radspur.JPG

Außerdem durften wir uns über den Besuch des EMW-Maskottchens Edgar freuen, der gerne im Lastenrad und auf dem Coffee Bike Platz nahm. Er selber nahm nichts zu essen oder trinken, sondern labte sich einfach an der guten Stimmung, die die Aktion verbreitete. Seine Kollegin Claudia Kiso, die EMW-Koordinatorin für Deutschland, die mit Edgar mitgekommen war, hörte sich unterdessen interessiert und bei einem heißen Getränk an, wie es denn in Osnabrück mit dem Mobilitätswandel vorangeht.

RF Edgar Coffee Bike qu.JPG

An dieser Stelle nochmal ein großes Dankeschön an alle Radfahrerinnen und Radfahrer! Wir freuen uns auf eine Wiederholung im nächsten Jahr!

pfeil.JPG Come along

Während am Mittwoch mit dem Fahrradfrühstück vom Schwerpunkt der EMW „Zu Fuß gehen“ abgewichen wurde, ging es donnerstagabends buchstäblich betont langsam mit dem Programm weiter. Um 19 Uhr trafen wir uns im Foyer der Kunsthalle im Dominikanerkloster, um uns auf die bevorstehende Veranstaltung einzustellen, die sich ganz dem gemeinsamen langsamen und damit bewussten Gehen widmete: Dem sogenannten „Slow Walk“. Dabei sahen wir uns zunächst Videos einer 72-Stunden-Geh-Aktion eines Spaniers sowie einer Aufeinanderzugeh-Aktion in der Schweiz an, während wir uns über unsere Erwartungen austauschten.

Bei der Aktion in der Schweiz kamen sich zwei große Gruppen in einer Reihe, einer nach der anderen, langsam entgegen und gingen aneinander vorbei weiter ihres Weges. Wir waren zwar nur an die 10 Personen, hatten aber vom Prinzip her das Gleiche vor – bloß in der Osnabrücker Altstadt vom Dom bis zur Marienkirche beziehungsweise umgekehrt. Außerdem wollten wir einfach gehen, wie wir wollten, also nicht in einer bestimmten Formation. Die Art und Weise, wie wir uns dann letztendlich bewegen, sollte sich ja dann von selbst ergeben. Außerdem stellten wir uns die Frage, welche Sinne wir am meisten nutzen würden.

Ich für meinen Teil ging dabei nur zu Beginn und zum Ende mit, da ich zwischendurch, besonders beim Aufeinandertreffen unserer Gruppen, Fotos und Notizen machen wollte. Dies machte mir gerade die erste Phase etwas kaputt, weil ich viel daran dachte, was ich alles aufschreiben sollte. Da kam für mich klar der Meditations-Effekt zum Tragen: Wenn man an nichts Besonderes denken will und nur wahrnehmen will, funktioniert es gar nicht. Als ich dann gegen Ende wieder dazu stieß, hatte ich das Problem nicht mehr. Was mir ansonsten auffiel, durch die stille Atmosphäre der Aufmerksamkeit, war besonders das Plätschern der Brunnen am Markt und bei der Stadtbibliothek. Bezogen auf die Sinne habe ich beim Gehen neben dem Hören auch den Tastsinn und den Gleichgewichtssinn bewusst genutzt. Wenn ich auftrat, achtete ich besonders auf die Füße, wenn die Füße in der Luft waren, musste ich wegen der langsameren Bewegung aufpassen, dass ich nicht hinfalle. Aber auch beim Sehen bemerkte ich etwas: Ich hatte durch das Zeitlupentempo die Gelegenheit, das abendliche Leben am Dom über einen längeren Zeitraum wahrzunehmen und stellte fest, dass es recht ruhig zuging. Es waren nicht so viele Menschen zu Fuß oder auf dem Rad unterwegs, noch weniger Busse fuhren auf der Hasestraße. Das mag jetzt nicht verwunderlich klingen. Mehr kam es mir allerdings vor, als wir die Straße über den Zebrastreifen an der Dombuchhandlung überquerten. Das nebenbei war auch eine besondere Herausforderung, sich den Menschen auszusetzen, die ja zunächst mal auf uns warten würden, aber irgendwann doch ungeduldig werden könnten. Am Ende lief es aber doch recht reibungslos, da alle mit Sensibilität und klarer Kommunikation agierten, sodass der ohnehin geringe Verkehr kaum in’s Stocken geriet. Hierzu fiel mir das Stichwort „Shared Space“ ein, worüber wir im Nachhinein in unserer Gruppe noch redeten. Der eine oder die andere hat es vielleicht schon mal in Bohmte oder anderswo erlebt.

Im anschließenden Nachgespräch mit allen teilte eine Teilnehmerin ihren Eindruck mit, dass ihr alle Menschen, die nicht am Slow Walk teilnahmen, wie eine fremde Spezies vorkamen. Erst die Mitglieder der anderen Gruppe nahm sie wieder als Artgenossen wahr. Eine weitere Teilnehmerin berichtete von ihrem Ansatz, langsam schnell zu gehen. Damit meinte sie, dass sie viele schnelle Bewegungen machen wollte, ohne dabei aber groß voranzukommen.

pfeil.JPG Abgelatscht

Wie schon zu Beginn angedeutet, gab es während der Europäischen Mobilitätswoche verschiedene Arten von Veranstaltungen. Neben den Einzelveranstaltungen, von denen Sie einen Teil durch meine Berichte bereits kennenlernen konnten, gab es immer wieder Veranstaltungen bei den Schuhmachern. Dort ging es am Montag schon um 15 Uhr los. Der Schuh- und Schlüsseldienst Bucken bot zu der Zeit sowie zwei weitere Male eine Schuhpflegevorführung an. Der Schuhmacher Peter Berning gab des Weiteren die Möglichkeit, einen Einblick in das Schuhmacherhandwerk zu bekommen, ebenfalls dreimal. Leider wurde diese Gelegenheit kaum wahrgenommen, was bezeichnend für die gesamte Branche ist. Herr Berning erzählte, dass es in Osnabrück 1930 noch 120 Schuhmacher gab. Heute sind es im Wesentlichen nur noch die 5, die auch auf unserem Flyer zur EMW vertreten waren und sich in dem Rahmen präsentierten. Dies liegt daran, dass das Schusterhandwerk kaum noch nachgefragt werde. Die Schuhe sind heutzutage vielfach aus Kunststoff. Wenn sie denn aus Leder, dem traditionellen Schuhmaterial, sind, dann werden sie anstatt von 12 nur noch 3 Monate gegerbt. Schnelligkeit gehe hier vor Qualität. Insgesamt, so Herr Berning, würden die Füße kaum noch beachtet, dabei sei das sehr wichtig. Dadurch, dass wir nur noch wenig in der Natur und hauptsächlich auf ebenen Böden laufen, würden die Füße vermehrt einknicken. Dadurch entstünden Plattfüße. Der Großteil der Schuhe hat dem nichts entgegenzusetzen. Herr Berning zeigt dazu eine Sohle, die die natürliche Wölbung des Fußes stützt.

Dass das Schuhmacherhandwerk wahrlich eine Kunst ist und mehr Beachtung verdient, macht er im Anschluss an mehreren Beispielen deutlich, die Sie in unserer Bildergalerie betrachten können. Wie die Perspektive seines Ladens aussieht? Er empfiehlt seinem Sohn nicht, Schuster zu werden. Osnabrück wird also wohl bald auch seine letzten Schuster verlieren. Wenn Sie dem entgegenwirken möchten, dann schauen Sie doch zumindest mal bei Herrn Bernings Kollegen oder bei ihm selber vorbei. Dort können Sie dann auch die hier dargestellten Schuhe und weitere in einer kleinen Ausstellung betrachten, zu denen Herr Berning Ihnen sicher gerne Auskunft geben wird.

pfeil.JPG Streetart

Zusätzlich zu diesen Veranstaltungen gab es außerdem eine Mitmach-Aktion zur Erfassung von Streetart an Osnabrücker Straßen. Es konnten Hinweise zu Kunstwerken eingereicht werden, die hier einzusehen sind. Die meisten finden sich zwischen Dominikanerkloster und Stadtbibliothek. Wenn man dort entlangspaziert, begegnen einem zum Beispiel ein David mit Eistüte oder ein Fagottist.

 

pfeil.JPG Allen Beteiligten möchten wir von MOBILE ZUKUNFT noch einmal ein ganz großes Dankeschön aussprechen, den Teilnehmenden und besonders den Organisatorinnen und Organisatoren!

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